„Delete“-Taste im Datennirvana
Interview mit Heike Bedrich
Wie auf blogsprache.de bereits angekündigt, wollte ich hier ja einen Neustart beginnen. Mir gefiel weder das alte Design, noch der Name, noch viele alten Beiträge die ich dort seit 2006 (davor noch unter meinem eigenen Namen als Domain seit 2001) veröffentlicht habe. Neun Jahre wollte ich eigentlich nicht einfach so hinter mir lassen, doch irgendwie schmerzt es mich nicht. Natürlich sind diese neun Jahre ein Teil von mir, aber wie es irgendwann Zeit wird, sich eine neue Frisur zuzulegen, wollte ich auch im Netz mich verändern und meinen Schwerpunkt verlagern.
Jedoch dadurch, dass ich seit Oktober 2009 nicht nur virtuell umziehen wollte, sondern auch real umgezogen bin und in der neuen Wohnung noch immer kein Internet habe, hat sich alles recht stark verzögert.
Daher kann ich auch jetzt erst ein schon vor Monaten geführtes Interview mit Heike Bedrich, Gründerin von TALISMAN Kommunikation & Imagebildung, veröffentlichen, welche ich gefragt habe, wie ich denn nun die neue Seite aufbauen sollte und wie man denn am sinnvollsten mit dem alten Datenspuren im Internet verbleibt. Sie ist der Überzeugung, man sollte viel öfter die “Delete”-Taste drücken und im Netz keinen Müll produzieren:
- Frau Bedrich, Sie betreuen mit Ihrer Agentur TALISMAN Kommunikation & Imagebildung vor allem Kunden aus der IT-, Medien-, und Internetszene. Wie wichtig ist Social Media PR und vor allem Online Reputationsmanagement auch für Privatpersonen im Jahr 2010 geworden?
Meines Erachtens ist Social Media PR und Online Reputation Management in erster Linie ein Thema für Unternehmen und für Personen, die in irgendeiner Form in der Öffentlichkeit stehen bzw. eine öffentliche Beachtung finden. Hierzu zählen auch Personen, die zum Beispiel in einem kommunikativen Beruf tätig sind. Diese Personen sollten zeigen, dass Sie mit dem Medium Internet umgehen können. Ansonsten würde ich sagen, dass Privatpersonen einfach auf ihren guten Ruf im Internet achten sollten. Sie sollen sich bewusst sein, dass das, was im Internet steht, stehen bleibt. Sie sollten wissen, was sie im Internet tatsächlich veröffentlichen wollen, und wann und wie etwas über sie publiziert wurde. Hierfür sollte man sich am besten regelmäßig googeln, um zu wissen, was im Netz über einen steht.
Dabei aber von Online Reputation Management zu sprechen, wäre übertrieben. Online Reputation Management ist komplex und äußerst vielschichtig: hierbei geht es um Expertenpositionierung, Agenda Setting, Imagepflege. Online Reputation Management unterliegt einer ausführlichen Analyse und Strategie. Ebenso ist Social Media PR kein Fall für Privatpersonen.
- Printmedien und Datenschützer warnten in den letzten Jahren vor einem zu öffentlichen Auftreten im Internet. Onlinemedien und Blogger warnen seit dem letzten Jahr vor einem zu stark zurückhaltenden Auftreten im Netz. Welches ist nun der richtige Weg?
Alle Personen, die eine Rolle im Öffentlichen Leben spielen, sollten ihr Gesicht im Internet zeigen, und dies aktiv. Das Internet bietet mittlerweile viele verschiedene Darstellungsmöglichkeiten, so dass für jeden etwas dabei sein sollte. Dies können zum Beispiel ein Blog, eine Website, eine Facebook-Seite, ein XING-Eintrag oder ein Profil auf einer Online-Reputation-Plattform sein. Aber auch hierbei sollte man genau prüfen, ob diese Plattformen den eigenen Sicherheitsbedürfnissen entsprechen. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Und ich würde keiner Privatperson empfehlen, im Netz aktiv zu sein, wenn diese das partout nicht möchte. Bei Unternehmen sieht das natürlich anders aus. Wer im Netz nicht aktiv ist, vergibt viele Chancen.
- Im Offline-Leben hat man verschiedene Identitäten. Man ist Kind, Schüler, Student, Mitarbeiter, Vater oder Fußballfan. Alle anderen Abschnitte lassen sich aber vor dem in der Identität zugehörigen sozialen Umfeld abschließen. Mein Chef erlebt mich nicht als Privatperson. Wie stark hat sich dies in Ihren Augen durch das Internet verändert?
Offline und Online verschmelzen immer mehr miteinander. Ich glaube, dass es daher richtig und wichtig ist, auch im Web verschiedene Lebensabschnitte zu zeigen. So wie wir im Real-Life über unsere Vergangenheit sprechen, so können wir dies auch in der Online-Welt tun. Wir können diese Lebensabschnitte aber auch abgrenzen und Vergangenes kennzeichnen. Und ich frage mich, ob das Internet tatsächlich mehr zeigen kann, als das wirkliche Leben. Ist es denn so? Ob man nun Fußballfan, Katzenliebhaber oder begeisterter Musiker ist, das alles wird auch im realen Leben wahrgenommen, aber natürlich auch nur dann, wenn die Beziehung zwischen Arbeitgeber und Mitarbeiter stimmt.
- Nehmen wir mich als Beispiel. Ich bin seit meinem 14. Lebensjahr im Internet aktiv. Mit 14 Jahren habe ich mir natürlich keine Gedanken gemacht über meinen Online-Auftritt. Ich persönlich – und mit Leichtigkeit sicherlich auch Andere – finde noch immer Dinge, über die ich mich persönlich ärgern könnte. Viele meiner alten Seiten sind bereits im Daten-Nirvana verschwunden, andere sind noch sehr präsent. Können die verschiedenen sozialen Umfelder damit bereits umgehen, dass das zwei zeitlich verschiedene Identitäten sind?
Das glaube ich in jedem Fall. Das Internet ist mittlerweile für viele zum alltäglichen Medium geworden. Wir haben gelernt, uns durch eine Vielzahl an Einträgen zu manövrieren und diese zu bewerten. Und wie im wirklichen Leben besteht das Bild eines Menschen aus vielen verschiedenen Facetten. Keiner von uns ist aalglatt, wir haben alle irgendeine Macke und wir haben alle unsere Vergangenheit. Ich empfehle aber in jedem Fall, und das tue ich auch bei meinen eigenen Kindern, über die Gefahren des Datenmissbrauchs hinzuweisen und auch über die Tatsache, dass das Internet nichts vergisst. Besonders bei Kindern und Jugendlichen sollten die Einstellungen in einem sozialen Netzwerk so vorgenommen werden, dass nur Freunde private Daten einsehen können. An dieser Stelle bin ich rigoros. Da gibt es kein Wenn und Aber. Welche Gefahren im Internet lauern, wird seit letztem Jahr endlich verstärkt in den Schulen und in den Medien behandelt. Der richtige Umgang mit dem Medium muss gelernt sein. Und nicht alle Eltern sind in der Lage, ihren Kindern hierbei kompetente Unterstützung zu geben. Daher begrüße ich alle Aktivitäten, die sich um das Thema drehen. Es kann nicht genug aufgeklärt werden.
- Viele Personen sind in unterschiedlichen SocialNetworks angemeldet. Aktuell nutze ich zirka fünf verschiedene Anbieter aktiv. Muss man sich verschiedene Identitäten zulegen, oder kann es ein Chef verstehen, dass ich mich zum Beispiel auf Twitter in einen Tweet mich mit meinen Bekannten verabrede und in einem anderen Tweet für die Arbeit schreibe?
Das sehe ich sehr kritisch. Hierfür braucht es meines Erachtens eine klare Trennung. Oder aber man nutzt die Form der Direct Messages, das mache ich zum Beispiel. Denn ich bin als Heike Bedrich sowohl privat als auch geschäftlich im Netz unterwegs. Hierbei ist aber zu sagen, dass es sich um mein kleines Unternehmen handelt. Meinen Kunden empfehle ich eine andere Strategie. Sie sollten sich einen Unternehmensaccount anlegen und darunter können verschiedene Personen twittern, die auch ersichtlich sind. Eine Kombination aus Beidem bringt langfristig mehr Probleme als Vorteile. Davon bin ich überzeugt.
- Abschließend eine Frage die ich als Einleitung für mein neues Blog sehen möchte: BlogSprache.de hatte einige gute Beiträge, aber vor allem viele private Belanglosigkeiten und teilweise, mein nachträgliches Eingeständnis: Müll. Kann ich BlogSprache weiterhin als mein Bad Blog nutzen und fritten.cc als potentielles Good Blog?
Jedes Blog muss einem Konzept unterliegen. Dabei sollten folgende Fragen behandelt werden: wer soll das Blog lesen, was wird gebloggt, welche langfristigen Ziele werden verfolgt. Erst dann kann beantwortet werden, ob es Sinn macht, zwei Blogs zu pflegen. Ob das nun ein Good-Blog oder ein Bad-Blog ist. Es kommt immer darauf an, was man damit bezwecken möchte und ob man seinen Lesern einen Mehrwert bieten kann. Zum Abschluss möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass es mir persönlich sehr wichtig ist, keinen „Müll“ für das Internet zu produzieren. Wir leiden alle unter einem Information Overload und unser Ziel sollte es sein, einen eigenen hohen Qualitätsanspruch zu verfolgen und vielleicht des Öfteren die „Delete“-Taste zu drücken.
- Vielen Dank für Deine Zeit.
Ich glaube, so ähnlich werde ich es auch handhaben.
BlogSprache wird inhaltlich in einigen Monaten gelöscht werden und einige Beiträge hier in einem Archiv landen. Was danach mit der Domain passiert, ob sie weiterhin als ein “ausgelagertes Blog” genutzt wird, wird sich dann zeigen.





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